Hospizkreis Ismaning - Regionalgruppe der IGSL

 Viktualien

Nahrungssuche in Zeiten von Corona

Neuerdings singe ich, während ich mit dem Fahrrad zum Supermarkt sause. Ich höre laut Musik über Kopfhörer und kann mir einfach keinen Grund mehr vorstellen, an der richtigen Stelle nicht hemmungslos mitzumachen, auch dann nicht, wenn ich an einer Ampel stehe und beobachtet werde. Dieser Moment auf dem Fahrrad im Wind ist genau der Ort sich dieses Glück zu holen: so mitzusingen, als könnte man singen. Imaginiertes Supertalent. Freiheit. Kurz. Und vor allem: Jetzt.

Die Verkleinerung der Welt war dem Seelenfrieden immer schon förderlich. Dieses Wissen verbindet alle Klöster, Aussteigerjahre und Midlifecrisis dieser Welt. Was uns derzeit mit Covid19 widerfährt, mag zwar nicht selbstgewählt sein, im Ende ist es aber im Ergebnis das gleiche: die Welt wächst nicht einfach weiter. Sie scheint uns zu Ende an einer ungewohnten Stelle, verwehrt vielfach ihre üblichen Über- und Weitergänge. Wir werden auf die bisherige Weise nicht mehr satt.

Was macht das mit uns? Ist da eine gute Eindampfung auf Wesentliches? Wo liegen die bedeutsamen Nebenwirkungen? Worauf fokussieren? Und woher der plötzliche Gesang?

Der förderliche Charakter der Verkleinerung der Welt für den Seelenfrieden steht freilich nur im Vordergrund, wenn wir nicht von einem Beatmungsgerät rhythmisch aufgebläht werden, krebskranke Kinder von Eltern isoliert sind oder eine tiefe Angst zum Fieber wütet. Wirtschaftliche Existenznot sei hier auch erwähnt. Aber jenseits dieser (medizinischen) Pein erleiden wir „Gesunden“ unter diesen neuen Abständen die Verkleinerung der Welt in einem Maß, das uns in vielerlei Hinsicht aktuell vielleicht schwer fällt, in Wahrheit aber einen Vorgang bedient und verdichtet, den wir kennen und immer schon leisten. Nichts daran ist neu – der Form nach. Denn: Das was ist, muss genommen und gestaltet werden. Das ist Dasein und das unterscheidet uns vom Isarkiesel. Unsere eigene Existenz ist ein Meister darin, dort, wo wir uns zur Welt verhalten (also immer und überall) eine angemessene Handhabe zu finden, damit wir damit zurecht kommen. Es zeichnet Menschen aus, aus den Umständen etwas zu machen, weil Dasein immer bedeutet, zwischen Ich und Welt einen Dialog zu finden und einen Ball zu formen. Die Conditio Humana ist das Suchen und Finden von Lösungen, die uns nicht nur überleben lassen, sondern uns gut tun im Sinne des geistigen Hungers, der uns Menschen ausmacht. Geistig spielen – das ist die Begabung, die in kommerziellen Welten nicht verloren gegangen ist, vielleicht aber etwas in Vergessenheit geraten war in zweierlei Hinsicht: erstens mit dem Blick auf ihre Quelle und zweitens im Hinblick auf ihr elementares Glück und Potential.

Erstens kann unser geistiger, imaginativer Hunger in seinem Ursprungsort leicht verwechselt werden. Imagination speist sich nicht primär durch Futter von Außen, sondern von Innen. Wir müssen nicht erst irgendwo hingehen, um Geist einzukaufen. Die immateriellen Viktualien, die wir brauchen, die geistigen Mittel zum Leben, die uns sättigen und das Wachstum fördern, sind bei uns selbst verfügbar. Mann könnte sagen: Verwehrt uns die Außenwelt eine Inspiration, dann eben rückwärts gewandt schauen. Haben wir die Freiheit, nach Neuseeland zu reisen, dann tun wir das sicher gerne, denn es bereichert, bietet Abstand vom Alltag, lenkt vielleicht ab von problemkreisenden Gedanken der Enge oder unfreien Mechanismen im Zwischenmenschlichen. Bildung, Reisen, Gespräche – alles notwenige „Konsumgüter“. Aber nicht der entscheidende Zugang zu Futter. „Ablenkung“ dieser Art, dieses Konsumieren der Welt, entledigt uns auch leicht der Aufgabe, im eigenen Archiv zu suchen nach Bildern, Passendem, Schönem, Unentdecktem. Scheint die Welt zu eng oder fad, dann meinen wir immer, sie initiativ erweitern zu müssen. Dies klappt freilich leichter, wenn die Welt uns großzügig offen steht  – und dies ist notweniger, erlaubter Zugang zu Neuem. Aber es lenkt auch immer ab von der eigenen Bedürfnislage, unserer Speisekammer und Vorstellungskraft. Es ist bitter, wenn plötzlich die Türen des Kaffeehauses verschlossen sind oder die Flieger nicht gehen. Auch der Austausch mit Freunden, das geheime Treffen mit dem Liebhaber im Hotel der Altstadt, die durchgetanzte Nacht in einer Disco – was machen, wenn es nach den neuen Spielregeln nicht mehr geht? Woher die Bilder, die uns ziehen, die Ideen, die uns Sinn vermitteln beim Weitermachen? Auf die wir Lust haben, am nächsten Tag? Für die wir morgens aufstehen und abends die Zähne putzen? Wohin mit mir?

Dorthin, wo wir immer Asyl finden und fanden. Dahin, wozu der Mensch am besten geeignet ist und seine vielleicht größte Kraft ins Spiel kommt: die Phantasie. Diese verbleibt dabei nicht im reinen Träumen, diese Sorge ist so unbegründet wie unlogisch bei genauer Beschau. Es gibt keine Taten, denen nicht irgendeine Vorstellung vorausging, kein Handeln, das nicht von Gedanken und deren Bildern begleitet wird, die zur Verwirklichung drängen. Wer wochenlang mit Kindern eingesperrt ist derzeit, (womöglich noch ohne Balkon), der wird die innere Kammer mit Ideen und geistigen Auswegen längst kennengelernt haben. Der mag zwar auch zwischenzeitlich denken, da sei irgendwann nichts mehr drin, aber immerhin hat er diese Kammer wieder gefunden, die rostige Türe geöffnet. Genau da offenbart sich etwas neues, auf das man unter üblichen Umständen nicht gestoßen wäre.

Hier wären wir beim zweiten Aspekt: dem Glück und Potential der nach innen gerichteten Imagination. Wofür ist es gut, die knarzende Türe zu pflegen und mühsam zu öffnen? Liegt darin eine gesellschaftliche Pflicht: phantasievolle Überflüge? Braucht man das? Kreativer Mut, trainierte Imagination, Reichtum im geistigen Archiv? Wie könnte man da argumentieren?

Immer da, wo wir sagen würden, jemand hat Talent und ist begabt, dort entsteht eine ganz eigene Zugkraft im Hinblick auf Realisierung. Ein musisch talentiertes Kind wird instinktiv die Gesellschaft von Instrumenten und Musik suchen. Wir wissen als Menschen um diese Wichtigkeit, mitgegebene Möglichkeiten zur Verwirklichung zu begleiten. Sein ist der Wandel von Möglichem zum Wirklichen, so sagte die mittelalterliche Metaphysik. Wenn der Mensch nun ausgestattet und begabt ist mit einem Geist, der unentwegt Bilder sucht, Bilder spielt, Bilder bastelt, Bilder verwirft, der damit Innen und Außen in Verbindung setzt und mit genau diesem Vorgang dem Offenen, Sinnlosen oder auch schmerzhaften Charakter seines Daseins den Sinn entlockt und die Stirn bietet (im wahrsten Sinn), dann ist die Reduktion, die uns derzeit erwischt hat und an unsere Grenzen bringt, eine hilfreiche Phase, sich der Rolle und Macht der Phantasie wieder bewusster zu werden. Die Begabung des Menschen, kreativ hungrig zu sein erfährt eine Auferstehung. Sein Talent, sich bei sich selbst zu beraten wird wieder bewegt, wie ein eingeschlafener Muskel. Autonom unmittelbar bereichert sein von sich selbst und der Imagination – hier verwandelt sich die Not in eine Tugend, ohne dass wir etwas machen müssten. Der Umstand, dass alle so gut mitmachen, zeigt, dass es uns leichter fällt als angenommen. Und dass es uns leichter fällt als angenommen, verweist auf die natürliche Begabung, die endlich Anwendung findet?

Karl Rahner hat einmal gesagt, der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein. Das Wort Mystik leitet sich ab vom Griechischen „die Augen schließen“, es meint nicht esoterische Weitsicht, religiöse Versenkung oder Weltfremde. Es besagt eben zunächst nur jene Innenschau, die sich auf den Reichtum dort besinnt. Hinhören auf das, was sich da kundtut, und was vielleicht auch etwas leiser ist als das Draußen. Lange habe ich diese Prognose von Rahner schon dabei im Leben, wie eine Schablone. Und fast ebenso lange habe ich es nicht verstanden: wo passt diese Schablone eigentlich? Die Menschheit erschien mir weniger denn je nach innen ausgerichtet. Wo denn? Wo sind sie, die Mystiker? Lese ich etwas falsch?

Hier könnte es sich nun auftun in den Corona Zeiten, das Anhalten, das Augenschließen, dieses Hindrehen in die andere, ungewohnte Richtung. Und woran merken wir es?  Wie teilt es sich mit? Welche Auswirkung hat die staatlich auferlegte, pandemische Innenschau?

Sie zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Aufmerksamkeit, die wir innerhalb aller Isolationen anderen Mitmenschen wieder zuteil werden lassen. Sie ist neue, andere Wachsamkeit. Eine Verletzlichkeit, die sich nicht mehr überspielen lässt. Wachheit. Authentisches, vulnerables Verhalten. Weil wir so wenig Kontakt haben, wird jede Begegnung mit der (Außen-)Welt wieder besonders. Wir haben sie wieder nötig, im besten Sinn. Das Außen übersteuert und übersättigt uns gerade nicht permanent. Wir schauen genauer hin, spüren mehr. Suchen vorsichtig, einverleiben nicht einfach. Haben wieder echten Hunger – und gehen auf Nahrungssuche bei uns selbst und auch und gerade in der kleinen, unmittelbaren Welt mit ihren Menschen und Dingen und bevorzugt dort, wo wir faktisch leben, in unserer Nachbarschaft.  Wir leben wieder regionaler, im geographischen und geistigen Sinne – was tut mir und meiner Umwelt gut? Und deshalb singe ich auch auf dem Fahrrad: nicht nur, weil ich so gut singen kann, sondern vor allem weil es ein Bedürfnis ist, das endlich gehört wird und ich hungrig danach war ohne es zu merken. So lange.

Ein Freund von mir grüßt seit Jahren jeden Trambahnfahrer, der an ihm vorbeifährt. Jetzt grüßen sie zurück.

Dr. Celina v. Bezold, Philosophin, München.

Diverse Tätigkeiten im ambulanten philosophischen Dienst, u.a. der Palliativmedizin, innerhalb der Kunstszene oder am Lagerfeuer.

Kontakt unter celinavonbezold@yahoo.de

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Hospizkreis Ismaning RG IGSL bedankt sich ganz herzlich bei den „Krautdorflöwen"

Ein ganz besonderes Geschenk erhielt der Hospizkreis Ismaning zu Weihnachten

vom Ismaninger Fanclub des TSV – 1860 München, den Krautdorflöwen

Bei der Weihnachtsfeier des Clubs überreichten die Clubmitglieder uns den Betrag von 1860 €

in Worten: eintausendachthundertsechzig für die Arbeit mit schwerstkranken und sterbenden Patienten.

Damit möchten sie die ehrenamtliche Hospizarbeit fördern, entsprechend dem Motto: „Leben bis zu Letzt.“

Schwerstkranke begleiten, Sterbenden nahe sein, Angehörige unterstützen, das Ziel der Hospizarbeit soll damit unterstützt werden.

 Wir freuen uns sehr über diese große Spende und bedanken uns ganz herzlich.

Johanna Hagn Vorsitzende und Christel Karger stellv. Vorsitzende

Bei der Überreichung der großartigen Weihnachtsspende in Höhe von 1860 €

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Der Hospizkreis sagt DANKE beim Chorisma Chor

ganz herzlich bedankt sich der Hospizkreis Ismaning bei allen Chorisma Chormitgliedern für die Spende, die von Herrn Norbert Lages und Frau Erika Fischer überreicht wurde. Wir freuen uns darüber, dass Sie wieder an die Begleitung der Schwerstkranken bis zuletzt gedacht haben!

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Eine Buchempfehlung

Roland Schulz las auf Einladung unsere Bücherei in Ismaning aus seinem Buch

„So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten“

Dieses Buch sollten alle HospizbegleiterInnen lesen.

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du - Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens. 

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“ Mit diesen Worten nimmt Roland Schulz den Leser mit auf die letzte Reise. Eindringlich beschreibt er, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben: Wie trauern wir - und wie können wir weiterleben.

Ein aufwendig recherchiertes Buch, kraftvoll und voller Menschlichkeit. Roland Schulz arbeitet für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Seine Reportagen wurden mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Theodor-Wolff-Preis und dem Deutschen Reporterpreis.

Wir sind alle vom Buch begeistert wegen seiner einfühlsamen Detailtreue.

Sehr empfehlenswert!

Ihr Hospizkreis Ismaning 

Johanna Hagn